Nachbarschaft & Hilfe
“Wir haben schnell gemerkt, dass das Thema in den Nachbarschaften sehr präsent war.“
Gespräch mit Michael Vollmann zu nebenan.de

Das nach­bar­schaft­li­che En­ga­ge­ment in Zei­ten des Co­ro­na-Vi­rus ist groß. Das hat das Team des Nach­bar­schafts­por­tals nebenan.de schon früh wahr­ge­nom­men. In­zwi­schen kön­nen sich Hil­fe­su­chen­de an die Hot­line 0800-866 55 44 wen­den und ihr Hil­fe­ge­such dort auf­ge­ben. En­ga­gier­te Nachbar*innen auf nebenan.de kön­nen sich dar­auf­hin mel­den und Hil­fe an­bie­ten. Bis­her wur­den schon weit über 5.000 Hil­fe­ge­su­che ver­mit­telt.

Wir ha­ben mit Mi­cha­el Voll­mann, Mit­grün­der von nebenan.de und Ge­schäfts­füh­rer der nebenan.de-Stiftung, über die nach­bar­schaft­li­che Un­ter­stüt­zung auf nebenan.de in Zei­ten der Co­ro­na-Kri­se ge­spro­chen.

Schon früh, als das Corona-Virus in den Medien und in den Köpfen noch nicht so prominent war, haben sich die Menschen auf nebenan.de gegenseitig Hilfe angeboten. Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir ha­ben schnell ge­merkt, dass das The­ma in den Nach­bar­schaf­ten sehr prä­sent war. Um die­ses En­ga­ge­ment zu un­ter­stüt­zen, ha­ben wir re­la­tiv schnell Aus­hän­ge zur Nach­bar­schafts­hil­fe er­stellt und zum Down­load an­ge­bo­ten. So konn­ten die Nachbar*innen ihr Hilfs­an­ge­bot auch den­je­ni­gen zu­gäng­lich ma­chen, die on­line nicht so ak­tiv sind. Auf der Platt­form ha­ben wir dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man hel­fen kann, wie und wo man hel­fen kann und was man be­ach­ten muss. Das wa­ren un­se­re ers­ten Schrit­te.

Wieviele Menschen haben auf nebenan.de nach Unterstützung gesucht? 

Wir ha­ben schnell fest­ge­stellt, dass wir sehr vie­le hilfs­be­rei­te Nachbar*innen ha­ben, die ihre Hil­fe an­bie­ten, aber viel we­ni­ger, die Hil­fe su­chen. Die Hil­fe­ge­su­che funk­tio­nier­ten ein­fach nicht so struk­tu­riert, wie es ei­gent­lich not­wen­dig ge­we­sen wäre. Es gab im­mer wie­der pri­va­te ein­zel­ne Nach­rich­ten mit Hilfs­an­ge­bo­ten, die­se rutsch­ten dann aber schnell wie­der nach un­ten und ge­rie­ten da­mit in Ver­ges­sen­heit. Dass es auf nebenan.de so we­nig Men­schen gibt, die Un­ter­stüt­zung su­chen, liegt si­cher auch dar­an, dass sich vie­le gar nicht trau­en öf­fent­lich auf der Platt­form nach Hil­fe zu fra­gen. Ein wei­te­rer Grund ist, dass die­je­ni­gen die Hil­fe be­nö­ti­gen, eher die äl­te­ren Men­schen, meist we­ni­ger Tech­nik-af­fin sind, so­dass sie von die­sen Hilfs­an­ge­bo­ten auf der Platt­form nichts be­mer­ken.

Michael Vollmann

Coronahilfe von nebenan

Darauf habt ihr reagiert und nebenan.de/corona ins Leben gerufen. Wie funktioniert das genau?

Wir ha­ben die Hot­line 0800-866 55 44 ein­ge­rich­tet. Da­mit ha­ben wir eine Schnitt­stel­le ge­schaf­fen, die völ­lig off­line, ana­log und an­onym funk­tio­niert. Um die Un­ter­stüt­zung zu er­hal­ten, müs­sen die­je­ni­gen nur noch von die­ser Te­le­fon­num­mer er­fah­ren. Wenn ich die­se Hot­line dann an­ru­fe, gebe ich zu­erst mei­ne Post­leit­zahl ein. Die­se wird von ei­nem Sprach­com­pu­ter ab­ge­fragt und die­ser na­vi­giert mich auch. Wenn je­mand mit der au­to­ma­ti­sier­ten Te­le­fon­ein­ga­be Pro­ble­me hat, wird die Per­son in ein Call-Cen­ter durch­ge­stellt. Ent­spre­chend der Hilfs­leis­tung, die ich su­che, drü­cke ich dann ent­spre­chend die „1“ für Ein­kaufs­hil­fe, die „2“ für Gas­si ge­hen und die „3“ für Hil­fe im Haus­halt usw.. Da­mit mich die Helfer*innen auch wirk­lich er­rei­chen kön­nen, muss ich zu­stim­men, dass mei­ne Te­le­fon­num­mer an die Hel­fer wei­ter­ge­lei­tet wird. Das an­ony­mi­sier­te Hil­fe­ge­such wird dann in den lo­ka­len Nach­bar­schaf­ten (an­hand der ein­ge­ge­be­nen Post­leit­zahl) auf nebenan.de/corona aus­ge­spielt. 

Angenommen ich bin auf nebenan.de registriert. Ich bin dort adress-verifiziert und, wie alle anderen, mit meinem Klarnamen in meiner Nachbarschaft aktiv – dazu gehören vor allem die Straßen in meiner Umgebung. Wie kann ich nun dieser hilfsbedürftigen Person helfen? 

Als re­gis­trier­ter und adress-ve­ri­fi­zier­ter Nut­zer kann ich se­hen, dass in mei­nem Post­leit­zah­len-Ge­biet je­mand z.B. eine Ein­kaufs­hil­fe sucht. Ich sehe aber noch kei­nen Na­men, kei­ne Adres­se und kei­ne Te­le­fon­num­mer. Ich kli­cke dann dar­auf und gebe da­mit an, dass ich hel­fen möch­te. Dann be­kom­me ich per E-Mail die Te­le­fon­num­mer die­ser Per­son zu­ge­schickt. Um die­je­ni­ge Per­son dann wirk­lich zu un­ter­stüt­zen, rufe ich die Te­le­fon­num­mer an und klä­re die Ein­zel­hei­ten im di­rek­ten Ge­spräch. Ins­ge­samt ha­ben wir da­durch schon weit über 5.000 Hil­fe­ge­su­che ver­mit­telt.

Ist das Hilfsangebot sicher?

Wie kann die Person sicher sein, dass das Hilfsangebot seriös ist?

Zum ei­nen er­hal­ten nur drei Per­so­nen die­se Te­le­fon­num­mer. Da­nach wird die Te­le­fon­num­mer nicht mehr an­ge­zeigt. Da­mit schaf­fen wir ei­nen ver­trau­ens­vol­len Rah­men. Die drei Hel­fer kön­nen sich dann ge­mein­sam ko­or­di­nie­ren. Dar­über hin­aus wird trans­pa­rent ge­macht, wer die­se Nachbar*innen, die ihre Hil­fe an­bie­ten, sind. Da­durch, dass sie adress-ve­ri­fi­ziert und mit Klar­na­men an­ge­ge­ben sind, schüt­zen wir vor Miss­brauch. 

Was macht ihr mit Hilfesuchenden, die sich über die Hotline melden und ihr nicht vermitteln könnt?

Wir ha­ben das Gan­ze so ge­stal­tet, dass es durch eine Schnitt­stel­le an­schluss­fä­hig zu an­de­ren Hilfs­ver­mitt­lungs-Platt­for­men wird. So ha­ben wir die Hot­line von gemeinschaft.online mit ein­ge­bun­den und wir ver­wei­sen auch auf das Se­nio­ren­te­le­fon des Sil­ber­netz e.V. und die Te­le­fon­seel­sor­ge der Dia­ko­nie Deutsch­land.

Was hast du persönlich aus dieser Situation gelernt?

Ich fin­de es gar nicht so schlecht, dass die Ge­sell­schaft jetzt ei­nen Di­gi­ta­li­sie­rungs-Schub er­fährt. Jetzt müs­sen alle (von Schu­len bis zu Be­hör­den) von heu­te auf mor­gen di­gi­tal ar­bei­ten kön­nen. Vie­le müs­sen da auch schmerz­haft auf­ho­len, das wird uns aber auch nach der Kri­se nütz­lich sein. Bis­her war Di­gi­ta­li­sie­rung für vie­le ein künst­li­cher Zu­satz, ohne den es ja auch gut funk­tio­niert hat. Jetzt zeigt sich, es macht uns als Ge­sell­schaft re­si­li­en­ter, wenn wir uns auch on­line or­ga­ni­sie­ren kön­nen. Da­durch, dass wir im Not­fall auch auf Ba­sis di­gi­ta­ler Ver­net­zung funk­tio­nie­ren kön­nen. Wie wich­tig das ist, das war mir in letz­ter Kon­se­quenz auch nicht so klar. Ich hof­fe den­noch, dass wir bald wie­der aus dem Kon­takt­ver­bot her­aus­kom­men, weil es Gift für uns Men­schen in­di­vi­du­ell und auch für uns als Ge­sell­schaft nicht ge­sund ist.

nebenan Corona

En­ga­giert in der Co­ro­na­zeit | Nach­bar­schaft & Hil­fe
Ak­tua­li­siert: 20.04.2020 | Foto: René Tausch­ke

 

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