Gut & Umgestellt
In jeder Katastrophe steckt immer eine Chance.
Gespräch mit Sabine Werth zur Tafel in der Coronazeit

Bis Mit­te März hat die Ber­li­ner Ta­fel an 45 Aus­ga­be­stel­len etwa 50.000 be­dürf­ti­ge Berliner*innen mit Le­bens­mit­teln ver­sorgt. Die Co­ro­na-Pan­de­mie und Kon­takt­sper­ren ha­ben die Ber­li­ner Ta­fel vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen ge­stellt – nur noch drei Aus­ga­be­stel­len blie­ben ge­öff­net. Es folg­te eine gro­ße Wel­le der So­li­da­ri­tät und ein völ­lig neu­es Kon­zept, um die­je­ni­gen mit Le­bens­mit­teln zu ver­sor­gen, die sie drin­gend be­nö­ti­gen.

Wie sich die Ber­li­ner Ta­fel auf die Si­tua­ti­on ein­ge­stellt hat und was das für Chan­cen birgt, dar­über ha­ben wir mit Sa­bi­ne Werth ge­spro­chen, Grün­de­rin so­wie Vor­sit­zen­de der Ber­li­ner Ta­fel e.V.. Und Ma­xi­mi­li­an Rein­hold und Gre­gor Bau­mann ha­ben dazu für ihre Do­ku­men­ta­ti­ons­rei­he En­ga­giert in der Cor­a­na­zeit | Heu­te bei - auf den Punkt fest­ge­hal­ten - ein kur­zes Vi­deo ge­macht.

Wie hat sich die Situation auf die Berliner Tafel ausgewirkt, als die Corona-Pandemie Berlin erreicht hat?

Zu Be­ginn – Ende Fe­bru­ar, An­fang März – gab es die­sen Hype um die Hams­ter­käu­fe. Da wa­ren alle Lä­den leer. Auch un­se­re Spen­den sind in der Zeit um 50 % ein­ge­bro­chen. Das hielt un­ge­fähr eine Wo­che an. Da­nach war es so, dass Re­stau­rants, Fir­men und Ho­tels schlie­ßen muss­ten und ihre Kü­chen bzw. La­ger leer ge­räumt ha­ben. So be­kom­men wir ak­tu­ell sehr vie­le Le­bens­mit­tel­spen­den. Die­se wol­len wir na­tür­lich auch wei­ter­rei­chen.

Normalerweise unterstützt die Berliner Tafel 300 soziale Einrichtungen mindestens einmal pro Woche und versorgt durch die Aktion “LAIB und SEELE” an 45 Ausgabestellen bedürftige Berliner*innen mit Lebensmitteln.

Von den 300 so­zia­len Ein­rich­tun­gen ha­ben in­zwi­schen nur noch we­ni­ger als 100 of­fen. Es gibt also gar nicht mehr so vie­le Stel­len, zu de­nen Le­bens­mit­tel ge­bracht wer­den kön­nen. Und von den 45 Aus­ga­be­stel­len sind nur noch drei ge­öff­net. Die an­de­ren 42 Aus­ga­be­stel­len ha­ben ei­ner­seits ge­schlos­sen, da die Eh­ren­amt­li­chen dort zur Ri­si­ko­grup­pe ge­hö­ren. An­de­rer­seits sol­len da­mit aber auch die­je­ni­gen, die sich die Le­bens­mit­tel ab­ho­len, ge­schützt wer­den. Denn es kommt bei den Aus­ga­be­stel­len im­mer auch zu Grup­pen­bil­dun­gen. Das ist ei­gent­lich auch das We­sent­li­che, wor­um es uns geht. Die Men­schen sol­len so­zia­len Kon­takt mit­ein­an­der ha­ben, mit­ein­an­der ei­nen Kaf­fee trin­ken, mit­ein­an­der ins Ge­spräch kom­men.

Das heißt, dass diese Berliner*innen jetzt nicht mehr zu den Ausgabestellen kommen können und ihr auf einem Berg von Lebensmitteln sitzen bleibt?

Wir ha­ben jetzt tat­säch­lich eine un­heim­li­che Men­ge an Le­bens­mit­teln und ha­ben nicht mehr vie­le, die uns die­se Le­bens­mit­tel ab­neh­men. Uns war des­halb klar, dass wir die so­zia­len Ein­rich­tun­gen, die noch of­fen ha­ben, be­son­ders gut un­ter­stüt­zen müs­sen und zum an­de­ren ei­nen Lö­sung fin­den, wie die Men­schen mit Haus­hal­ten noch an Le­bens­mit­tel kom­men kön­nen. Denn das sind er­fah­rungs­ge­mäß die­je­ni­gen, die nicht hams­tern kön­nen, weil es ih­nen fi­nan­zi­ell nicht so gut geht.

Wie habt ihr die Situation gelöst?

Wir ha­ben uns ei­nen Lie­fer­ser­vice auf­ge­baut. Mit den Kir­chen­ge­mein­den, in de­nen die Aus­ga­ben sonst sind, ha­ben wir aus­ge­macht, dass dort je­mand am Te­le­fon sitzt und Na­men, Adres­se u.s.w. von de­nen auf­nimmt, die ein­mal die Wo­che be­lie­fert wer­den wol­len. Dann or­ga­ni­sie­ren wir an vier Ta­gen in der Wo­che zu­sam­men mit den Re­bel Ri­dern – der Fahr­rad­grup­pe von Extinc­tion Re­bel­li­on –, die wie­der­um von dem Pro­jekt „Flot­te“ des ADFC mit Las­ten­rä­dern un­ter­stützt, ei­nen Lie­fer­ser­vice. Die Re­bel Ri­der fah­ren also mit den Las­ten­fahr­rä­dern die Fa­mi­li­en bzw. Per­so­nen di­rekt an, die sich bei uns ge­mel­det ha­ben. Die Vor­aus­set­zung für die Be­lie­fe­rung ist, dass die­je­ni­gen Per­so­nen ent­we­der al­lein­er­zie­hend oder Fa­mi­li­en mit min­des­tens zwei Kin­dern oder 60plus sind. Au­ßer­dem fah­ren die Eh­ren­amt­li­chen der Aus­ga­be­stel­len zum Teil selbst die Tü­ten aus oder ge­ben Le­bens­mit­tel­tü­ten in den Aus­ga­be­stel­len di­rekt an ein­zel­ne Men­schen.

Ohne großen Aufruf haben sich
über 1400 Freiwillige bei uns gemeldet

Normalerweise erreicht ihr mit dem Projekt „LAIB und SEELE“ pro Monat 50.000 bedürftige Berliner*innen. Wieviele dieser Menschen könnt ihr damit beliefern?

Am 31. März ha­ben wir of­fi­zi­ell mit dem Lie­fer­ser­vice an­ge­fan­gen und wir wer­den am 20. April den 10.000sten  Beu­tel ver­tei­len. Wir wer­den also noch se­hen, wie wir das wei­ter be­werk­stel­li­gen. Um al­les zu schaf­fen, be­kom­men wir aber auch Un­ter­stüt­zung: Ohne, dass wir dazu groß­ar­tig auf­ge­ru­fen ha­ben, ha­ben sich über 1400 Frei­wil­li­ge bei uns ge­mel­det. Es kom­men je­den Tag 30-50 Leu­te, die die Le­bens­mit­tel sor­tie­ren, die Tü­ten pa­cken und uns hel­fen, wo sie nur kön­nen. Dar­über hin­aus hilft uns das THW in Form ei­nes Lkws, ei­nes Sprin­ters und mit vier Mit­ar­bei­tern. Das ist eine tol­le Un­ter­stüt­zung.

Inwiefern hat sich die Arbeit der Berliner Tafel in den internen Prozessen geändert?

Die Ber­li­ner Ta­fel hat sich durch die Si­tua­ti­on kom­plett ge­än­dert. Wir fah­ren eine völ­lig an­de­re Lo­gis­tik. Sonst sind wir mit 16 bis 18 Sprin­tern im Ein­satz. Ak­tu­ell sind es 26 Sprin­ter – teil­wei­se ge­spen­det, teil­wei­se ge­mie­tet. Die sind den gan­zen Tag un­ter­wegs und sam­meln Le­bens­mit­tel ein. Dazu ist ein Teil des Teams aus Si­cher­heits­grün­den im Home-Of­fice. Zum Teil, weil es sich um Ri­si­ko­grup­pen han­delt, aber auch da­für, dass, wenn ein Teil des Teams aus­fällt, der an­de­re Teil des Teams noch fit ist.

Wie lange habt ihr gebraucht, um auf die Heraus­for­derun­gen und Bedürfnisse zu reagieren und die Organisation sowie Kommunikation neu einzurichten?

Seit Ende März ha­ben wir das Ge­fühl, jetzt läuft es rund. Vie­les kann im­mer ver­bes­sert wer­den, es gibt auch im­mer wie­der Her­aus­for­de­run­gen. Wir ha­ben an­dert­halb Wo­chen ge­braucht, um ei­ni­ger­ma­ßen in den Fluss zu kom­men und jetzt ha­ben wir wirk­lich das Ge­fühl es läuft.

Was hast du aus der Situation gelernt? Was nimmst du dir für die Zukunft aus dieser Zeit mit?

Wir ha­ben ge­lernt, dass in je­der Ka­ta­stro­phe eine Chan­ce liegt. Wir se­hen zum Bei­spiel, dass wir viel emis­si­ons­frei­er ar­bei­ten – da­durch, dass die Fahr­rä­der das Es­sen zum Teil ver­tei­len. Wir über­le­gen na­tür­lich, was wir von die­sen neu­en Im­pul­sen für die Zu­kunft mit­neh­men kön­nen. Wir ha­ben uns teil­wei­se auch völ­lig neu auf­ge­stellt. Das Team ar­bei­tet un­heim­lich kon­se­quent mit­ein­an­der, was es so in die­ser Form auch noch nicht ge­ge­ben hat. Je­der Be­reich hat­te mehr oder we­ni­ger für sich ge­ar­bei­tet und wir hat­ten das Ge­fühl, die in­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on klappt noch nicht so gut. Jetzt re­den wirk­lich alle mit­ein­an­der und da geht auch we­nig ver­lo­ren. Das ist ein un­heim­lich pro­duk­ti­ves und kon­struk­ti­ves Mit­ein­an­der. Das wol­len wir auch ret­ten. Ich hof­fe na­tür­lich, dass die Zeit bald vor­bei ist. Aber es ist schön zu se­hen, wie ein Zahn­rad in das an­de­re greift.

En­ga­giert in der Co­ro­na­zeit | Gut & Um­ge­stellt
Foto: Gre­gor Bau­mann | Ak­tua­li­siert: 16.04.2020

 

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