Gut & Umgestellt
„Die Situation ist so dynamisch, dass wir uns immer wieder neu erfinden müssen.“ Gespräch mit Jasmin Vogel - Die Johanniter Regionalverband Berlin

Die Jo­han­ni­ter sind in vie­len so­zia­len Be­rei­chen tä­tig. Wie or­ga­ni­sie­ren sie sich in der Kri­se? Was sind die Her­aus­for­de­run­gen und wo wird Un­ter­stüt­zung be­nö­tigt? Wir ha­ben mit Jas­min Vo­gel – Team­lei­tung Mar­ke­ting und Öf­fent­lich­keits­ar­beit der Jo­han­ni­ter-Un­fall-Hil­fe e.V. im Re­gio­nal­ver­band Ber­lin ge­spro­chen.

Der erste Corona-Fall trat in Berlin im Januar auf. Ab da war schon klar, es wird nicht bei dem einen Fall bleiben. Wie habt ihr euch auf die kommende Situation vorbereitet?

Im Fe­bru­ar ha­ben wir in­ten­siv die Ent­wick­lun­gen ver­folgt, um ab Ende Fe­bru­ar ei­nen ei­ge­nen Kri­sen­stab zu bil­den. Hier konn­ten wir die ers­ten Hy­gie­ne­maß­nah­men für alle haupt- und eh­ren­amt­li­chen Kolleg*innen so­wie auch an Ex­ter­ne nach Vor­bild der Bun­des­zen­tra­le für ge­sund­heit­li­che Auf­klä­rung her­aus­ge­ben. Dar­auf auf­bau­en­de Maß­nah­men ha­ben wir ge­mäß der Emp­feh­lun­gen des Ro­bert-Koch-In­sti­tuts ent­wi­ckelt, ein­ge­lei­tet und zur ge­ge­be­nen Zeit an­ge­passt.

Um welche Maßnahmen handelt es sich da konkret?

Es han­delt sich um alle Maß­nah­men rund um den Schutz vor In­fek­ti­on. Es ging dar­um, dass wir mög­lichst früh­zei­tig mit der Auf­klä­rungs­ar­beit un­se­res ei­ge­nen Per­so­nals an­fan­gen und die der­zei­ti­ge Lage so­wie de­ren Her­aus­for­de­rung trans­pa­rent dar­stel­len. Uns war es wich­tig, dass alle kom­mu­ni­ka­tiv und auch in­halt­lich dort ab­ge­holt wer­den, wo der*diejenige steht, da­mit wir (auch nach au­ßen) eine ge­mein­sa­me Spra­che spre­chen.

Ein interdisziplinärer Krisenstab
mit verschiedenen Kompetenzen

Ihr habt auch einen sogenannten Corona-Krisenstab aufgebaut. Wer ist daran beteiligt und wie kann ich mir die Arbeit vorstellen?

Dar­an sind ver­schie­de­ne Kolleg*innen be­tei­ligt, mit de­nen ich mich re­gel­mä­ßig aus­tau­sche. Ne­ben mei­ner Per­son, die maß­geb­lich für die in­ter­ne und ex­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on zu­stän­dig ist, sit­zen da auch Mit­glie­der des Re­gio­nal­vor­stands – die­se ent­schei­den mit, wel­che Maß­nah­men und Ein­sät­ze wir ma­chen, wel­che Ein­rich­tun­gen und Ab­tei­lun­gen ge­schlos­sen oder wo­hin die­se even­tu­ell ver­legt wer­den – un­ser Lei­ter Ret­tungs­dienst so­wie der Team­lei­ter für Be­völ­ke­­rungs- und Ka­ta­stro­phen­schutz – die noch ein­mal ei­nen an­de­ren ope­ra­ti­ven Blick­win­kel ein­brin­gen als auch wei­te­re Kolleg*innen aus an­de­ren Be­rei­chen. Wir sind dem­nach eine in­ter­dis­zi­pli­nä­re Grup­pe mit ver­schie­de­nen Kom­pe­ten­zen, die so mög­lichst ob­jek­tiv Ent­schei­dun­gen tref­fen kann.


Johanniter

 
Ihr seid in mehreren Be­rei­chen aktiv: im Ret­tungs­dienst, im am­bu­lan­ten Pfle­ge­dienst, in der Tagespflege, in Kitas, aber auch im Be­völ­ke­rungs- und Ka­ta­­stro­phen­schutz.

Ab wann gab es da an die Bedürfnisse sowie Bedarfe angepasste Pläne bzw. Maßnahmen?

Seit März ha­ben wir ver­schie­de­ne Maß­nah­men ein­ge­lei­tet, er­ar­bei­tet und suk­zes­si­ve an die neue Si­tua­ti­on an­ge­passt. Nach der Her­aus­ga­be der all­ge­mei­nen Hy­gie­ne­maß­nah­men ha­ben wir früh er­kannt, dass ei­ni­ge Be­rei­che zum Schut­ze der Ri­si­ko­grup­pe und der Kolleg*innen ge­schlos­sen wer­den müs­sen, dar­un­ter bei­spiels­wei­se auch un­se­re Ta­ges­pfle­ge, die kei­nen not­fall­me­di­zi­ni­schen Nut­zen für die Gäs­te hat.

Die Ent­schei­dung re­sul­tier­te vor al­lem aus un­se­rer Pan­de­mie-Pla­nung. Dar­in ha­ben wir die Form des Ri­si­kos in den ver­schie­de­nen Be­rei­chen be­wer­tet, also wel­cher Be­reich ist ent­behr­lich, wel­cher teil­wei­se ent­behr­lich und wel­cher un­ent­behr­lich.

Ihr seid die ersten gewesen, die der Charité eine positive Rückmeldung zum Einsatz Eures ambulanten Hospiz- und Familienbegleitdienstes geben konnte. Inzwischen seid ihr einer von insgesamt fünf Berliner Hos­piz­diens­ten, die die Charité unterstützen.

Was sind die Herausforderungen und wie konntet ihr so schnell reagieren?

Wir wa­ren die ers­ten, die eine po­si­ti­ve Rück­mel­dung an die Cha­rité ge­ben konn­ten, weil wir früh­zei­tig an­ge­fan­gen ha­ben, die täg­lich wech­seln­de Si­tua­ti­on neu zu be­wer­ten. Die Lei­te­rin des Hos­piz- und Fa­mi­li­en­be­gleit­diens­tes, Frau Ilo­na Schütz, ist zu­dem früh­zei­tig auf Ihre haupt- und eh­ren­amt­li­chen Kolleg*innen zu­ge­gan­gen und hat nach ih­ren Ein­satz- und Be­reit­schafts­mög­lich­kei­ten ge­fragt. Die Re­so­nanz war durch­weg po­si­tiv.

Dem­nach ha­ben wir zu­sam­men mit der Cha­rité un­se­re aus­ge­bil­de­ten Sterbebegleiter*innen für die­sen spe­zi­el­len Ein­satz auf­grund der ho­hen In­fek­ti­ons­ge­fahr sen­si­bi­li­siert und wei­ter­ge­bil­det. Nicht nur die Kolleg*innen vom Hos­piz- und Fa­mi­li­en­be­gleit­dienst wur­den und wer­den her­aus­ge­for­dert, son­dern auch an­de­re Johanniter*innen in den un­ter­schied­lichs­ten Ab­tei­lun­gen. Ge­ra­de in die­ser Zeit be­kom­me ich im­mer eine Gän­se­haut, wenn ich mir un­se­re Kolleg*innen so an­gu­cke. Sie ma­chen echt alle ei­nen tol­len Job. Ich bin sehr froh, dass ich – auch wäh­rend die­ser Zeit - dem bei­woh­nen darf.

Besonders am Anfang wußte man nicht,
was am nächsten Tag passiert


Was waren und sind die größten Herausforderungen?

Die Dy­na­mik. Man wuss­te be­son­ders am An­fang nicht, was am nächs­ten Tag pas­siert. Die Si­tua­ti­on war und ist so dy­na­misch, Joanniter dass wir im­mer wie­der vor neue Her­aus­for­de­run­gen ge­stellt wer­den und die Lage re­gel­mä­ßig neu be­wer­ten müs­sen. Da­durch muss­ten wir uns ge­ne­rell im­mer wie­der neu er­fin­den. Was sind die ak­tu­el­len Be­dar­fe un­se­rer Kolleg*innen und/oder den Ab­tei­lun­gen? Wie re­agie­ren wir? Was kön­nen wir als Re­gio­nal­ver­band leis­ten? Wie viel Des­in­fek­ti­ons­schutz­mit­tel ha­ben wir ei­gent­lich? Wie viel Atem-, Mund-Na­sen-Schutz, und FFP2- und FFP3-Mas­ken ha­ben wir vor­rä­tig? Die­se und wei­te­re Fra­gen ha­ben wir uns schon früh ge­stellt.

Wie kann man euch unterstützen?

Wir freu­en uns na­tür­lich wei­ter­hin über eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment. Sei es als vor­er­fah­re­nes Mit­glied im Be­völ­ke­rungs- und Ka­ta­stro­phen­schutz, im Ret­tungs­dienst oder als Spontanhelfer*in im am­bu­lan­ten Pfle­ge­dienst, um für äl­te­re Berliner*innen ein­kau­fen zu ge­hen.

Was hast du aus der Krise gelernt?

Wie Zu­sam­men­halt funk­tio­niert. Man sieht es bei al­len Kolleg*innen und in je­dem Be­reich, was für Stär­ken sich da noch­mal ent­wi­ckeln und frei­ge­setzt wer­den. Das gibt ein wun­der­schö­nes Ge­samt­kon­strukt.

En­ga­giert in der Co­ro­na­zeit | Gut & Um­ge­stellt
Foto: Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin Gre­gor Bau­mann | Ak­tua­li­siert: 29.04.2020

 

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