Medial & Engagiert
Journalismus in Zeiten von „Social Distancing“, Faktenchecks & Digitalisierung. Ein Gespräch mit Hendrik Stein, Berliner Woche

Der Jour­na­lis­mus ist ak­tu­ell be­son­ders ge­fragt. Täg­li­che er­rei­chen uns un­zäh­li­ge In­for­ma­tio­nen. Der Jour­na­lis­mus hilft uns die­se zu ord­nen und Zu­sam­men­hän­ge zu er­klä­ren. Der Re­dak­ti­ons­lei­ter der Ber­li­ner Wo­che, Hen­drik Stein, ver­folgt das En­ga­ge­ment in Ber­lin schon seit vie­len Jah­ren. Die Ber­li­ner Wo­che zählt seit lan­gem zu den Unterstützer*innen der Frei­wil­li­gen­bör­se. So ha­ben wir ihn zu ver­schie­de­nen The­men nach sei­ner Mei­nung ge­fragt.

Die Corona-Krise hat vieles verändert. Wie haben Sie die Entwicklungen durch Corona im Hinblick auf das Freiwilligen-Engagement erlebt?

Ber­lin zeich­net sich schon seit Jah­ren durch eine star­ke und viel­fäl­ti­ge En­ga­ge­ment-Sze­ne aus. Das ist eine Er­kennt­nis, die ich aus un­se­ren un­zäh­li­gen Ar­ti­keln über en­ga­gier­te Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner in der Ber­li­ner Wo­che und im Span­dau­er Volks­blatt ge­won­nen habe. Und so hat es mich zwar be­ein­druckt, aber nicht ver­wun­dert, wie groß die Be­reit­schaft vie­ler Men­schen war, sich in die­ser schwie­ri­gen Si­tua­ti­on für an­de­re frei­wil­lig ein­zu­set­zen – bei­spiels­wei­se in der Nach­bar­schafts­hil­fe.

Aber vor al­lem die Krea­ti­vi­tät, mit der En­ga­gier­te ver­such­ten und im­mer noch ver­su­chen, un­ter Be­din­gun­gen wie der Ver­mei­dung so­zia­ler Kon­tak­te ihre Ver­eins­ar­beit fort­zu­set­zen, ih­rer Kli­en­tel Hilfs- und Be­ra­tungs­an­ge­bo­te zu un­ter­brei­ten und Men­schen Halt zu ge­ben, ist be­mer­kens­wert.

Da­bei darf man ja auch nicht ver­ges­sen, dass Ver­ei­ne und In­sti­tu­tio­nen der En­ga­ge­ment-Sze­ne durch den Shut­down un­mit­tel­bar be­trof­fen sind. Denn vie­le ver­lo­ren von heu­te auf mor­gen auch Ein­nah­me­mög­lich­kei­ten, aus de­nen sie ihre wich­ti­ge Ar­beit für die Ge­mein­schaft fi­nan­zier­ten. Nicht we­ni­ge stellt dies vor exis­ten­ti­el­le Pro­ble­me. Die zahl­rei­chen Spen­den­auf­ru­fe, die uns der­zeit er­rei­chen, be­le­gen das. Trotz al­le­dem herrscht nach mei­ner Mei­nung in der Sze­ne gro­ßer Op­ti­mis­mus und Ta­ten­drang.

Inzwischen kehrt langsam wieder Normalität ein. Durch die Krise scheinen sich aber in Or­ga­ni­sa­tio­nen und Zivilgesellschaft einige Dinge zu ändern. Wenn Sie einmal einen Blick in die Zukunft werfen, was ist Ihr Eindruck: Was wird bleiben, was wird sich ändern?

Wenn wir mit Nor­ma­li­tät den Zu­stand un­se­rer Ge­sell­schaft vor der Kri­se mei­nen, so glau­be ich, dass die­se Nor­ma­li­tät wohl auf lan­ge Sicht nicht wie­der ein­keh­ren wird. Denn selbst wenn die Be­dro­hung für Ge­sund­heit und Le­ben ir­gend­wann vor­über sein soll­te, wenn wir wie­der be­gin­nen, so zu le­ben und zu ar­bei­ten „wie vor Co­ro­na“, wer­den uns die Fol­gen der Kri­se noch über Jah­re vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen stel­len. Umso wich­ti­ger – und das wis­sen wir aus der kri­sen­ge­schüt­tel­ten Ver­gan­gen­heit Ber­lins – wird das bür­ger­schaft­li­che En­ga­ge­ment sein.

Lei­der bin ich kein Zu­kunfts­for­scher. Aber wenn ich mir wün­schen dürf­te, was blei­ben soll­te, dann wäre das die An­er­ken­nung, die Eh­ren­amt und frei­wil­li­ges En­ga­ge­ment der­zeit in der Stadt er­fah­ren.

Die­se An­er­ken­nung, um die wir uns als Ber­li­ner Wo­che und Span­dau­er Volks­blatt seit Jah­ren be­mü­hen, in­dem wir bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment sicht­bar ma­chen, ist aus­schlag­ge­bend für die At­trak­ti­vi­tät des Eh­ren­am­tes, sei es nun in­sti­tu­tio­nell in ei­nem Ver­ein oder spon­tan und un­ge­bun­den. Je hö­her die Wert­schät­zung für die Frei­wil­li­gen ist, umso grö­ßer ist auch die Be­reit­schaft mit­zu­ma­chen, mit an­zu­pa­cken und et­was zu be­we­gen.

Eine andere Sicht auf die Normalität selbst

Was sich hof­fent­lich än­dern wird, ist un­se­re Sicht auf die Nor­ma­li­tät selbst. Un­si­cher­hei­ten und Be­dro­hun­gen ver­or­te­te die Mehr­heit von uns bis­her im­mer wo­an­ders. Dass dies trü­ge­risch war, er­le­ben wir ge­ra­de.

Der eine oder an­de­re wird in den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten die Er­fah­rung ge­macht ha­ben, dass er aus sei­ner Nor­ma­li­tät her­aus­ge­ris­sen wur­de, weil er plötz­lich zu ei­ner Ri­si­ko­grup­pe ge­hört oder sich auf­grund von Kurz­ar­beit oder des Ver­lus­tes sämt­li­cher Ein­kom­mens­quel­len in ei­ner pre­kä­ren Si­tua­ti­on be­fin­det. Plötz­lich selbst auf die Hil­fe und Un­ter­stüt­zung durch an­de­re an­ge­wie­sen zu sein, ist für vie­le von uns ein Per­spek­tiv­wech­sel – aus Ge­ben­den wer­den Neh­men­de, aus Hel­fern Hilfs­be­dürf­ti­ge, aus den ver­meint­lich Star­ken wer­den ver­meint­lich Schwa­che.

Viel­leicht än­dert dies aber auch un­se­re Sicht auf die­je­ni­gen, die schon vor Co­ro­na un­se­rer Hil­fe be­durf­ten oder die wir so ger­ne als Min­der­hei­ten be­zeich­ne­ten, die in un­se­rer Nor­ma­li­tät kei­nen Platz fan­den. Die­ser Per­spek­tiv­wech­sel könn­te ei­ni­ges für die Ent­wick­lung der Ge­sell­schaft zu mehr Of­fen­heit und To­le­ranz be­wir­ken.

Lei­der er­he­ben mit der „Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät“ ge­ra­de jene wie­der ihr Haupt, die zu Be­ginn der Kri­se hilf- und ide­en­los dem Gan­zen ge­gen­über­stan­den und nun Co­ro­na da­für nut­zen, um Men­schen zu ver­un­si­chern und da­mit ihre Po­li­tik der Aus­gren­zung und In­to­le­ranz fort­set­zen. Die­sen an­ti­de­mo­kra­ti­schen Ten­den­zen ha­ben schon vor Co­ro­na vie­le En­ga­gier­te die Stirn ge­bo­ten. Dies muss auch in Zu­kunft so blei­ben.

Größte Probleme bei jenen, die schon zuvor am Rande unserer Gesellschaft lebten

Und noch eine Er­fah­rung die­ser Tage ist wich­tig: Die Co­ro­na-Kri­se stellt uns vor größ­te Pro­ble­me ge­ra­de bei je­nen, die auch schon zu­vor am Ran­de un­se­rer Ge­sell­schaft leb­ten. Ich mei­ne da­mit so­wohl Men­schen ohne ei­ge­nes Ob­dach als auch die vie­len Ein­sa­men, die un­ter uns le­ben.

Ein Kon­zept, das auf so­zia­le Di­stan­zie­rung fußt, kann hier nicht funk­tio­nie­ren, weil für die ei­nen die so­zia­le Nähe exis­ten­ti­ell ist und zu­dem Mög­lich­kei­ten des Rück­zugs feh­len und weil bei den an­de­ren teil­wei­se gar nicht die Vor­aus­set­zun­gen vor­han­den sind, um so­zia­le Kon­tak­te im Di­gi­ta­len auf­zu­bau­en und zu pfle­gen. Die­se Grup­pen traf die ak­tu­el­le Kri­se umso här­ter.

Ich glau­be, aus die­ser Er­fah­rung müs­sen wir für die Zu­kunft ler­nen. Si­cher las­sen sich hier Ver­än­de­run­gen nicht al­lein durch bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment her­bei­füh­ren, hier sind auch Po­li­tik und Ver­wal­tung in der Pflicht.

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Aber vor al­lem
die Krea­ti­vi­tät ist
be­mer­kens­wert.

Die Nor­ma­li­tät wird wohl lan­ge nicht
wie­der ein­keh­ren.

… aus Ge­ben­den
wer­den Neh­men­de, aus Hel­fern Hilfs­be­dürf­ti­ge, aus Star­ken Schwa­che …

… so­wohl Men­schen
ohne ei­ge­nes Ob­dach
als auch die vie­len Ein­sa­men un­ter uns …

Wie wirkt sich Corona auf Ihre journalistische Arbeit aus? Können Sie uns einen kleinen Einblick geben?

Zwar sind wir in ers­ter Li­nie et­was Ana­lo­ges, also eine ge­druck­te Zei­tung, die mit ih­ren 30 Aus­ga­ben in die Haus­hal­te der Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner kommt, aber ich war zu Be­ginn der Kri­se froh, dass wir be­reits alle un­se­re Ar­beits­pro­zes­se in der Ver­gan­gen­heit di­gi­ta­li­siert hat­ten. So war es zum Schutz der Ge­sund­heit un­se­rer Mit­ar­bei­ter mög­lich, die Zei­tun­gen de­zen­tral an mo­bi­len Ar­beits­plät­zen zu pro­du­zie­ren.

Na­tür­lich stellt „So­ci­al Di­stan­cing“ Lo­kal­jour­na­lis­ten wie uns vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Denn un­se­re Ar­beit fußt ja ge­ra­de auf der Nähe zu den Men­schen in den Ber­li­ner Kie­zen.

Man trifft sich häu­fig vor Ort und be­glei­tet Men­schen in ih­rem All­tag. Kon­takt­be­schrän­kun­gen sind da eher hin­der­lich, aber un­se­re Re­por­ter und Re­dak­teu­re ha­ben bis heu­te un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Schut­zes der ei­ge­nen Ge­sund­heit und der des Ge­sprächs­part­ners die­se Her­aus­for­de­run­gen mit Bra­vour ge­meis­tert. Und das war auch nö­tig. Denn in be­weg­ten Zei­ten gibt es auch im­mer viel zu be­rich­ten.

Und so stand für uns ne­ben der Bür­ger­infor­ma­ti­on wie­der­um die Sicht­bar­ma­chung von En­ga­ge­ment im Vor­der­grund. Hilfs­be­dürf­ti­ge muss­ten er­fah­ren, wo sie Hil­fe fin­den. Die vie­len Frei­wil­li­gen be­durf­ten auch der An­er­ken­nung und des Lo­bes für ihre Ar­beit.

Falschmeldungen und gezielte Desinformationen

Zu­dem ha­ben wir uns ge­fragt, was wir ge­gen die vie­len Falsch­mel­dun­gen und ge­ziel­ten Des­in­for­ma­tio­nen tun kön­nen, die ge­ra­de auch in der Co­ro­na-Zeit durch das Netz geis­tern. Ge­mein­sam mit un­se­rem Bun­des­ver­band Deut­scher An­zei­gen­blät­ter ha­ben wir des­halb eine Ko­ope­ra­ti­on mit dem ge­mein­nüt­zi­gen Re­cher­che­zen­trum Cor­rec­tiv ge­star­tet.

Re­gel­mä­ßig ver­öf­fent­li­chen wir in un­se­ren Aus­ga­ben so­ge­nann­te Fak­ten­checks von Cor­rec­tiv, in de­nen es um die Wi­der­le­gung von Fake-News rund um Co­ro­na geht – also um Falsch­mel­dun­gen wie „Mund­schutz ist ge­fähr­lich“ oder „Co­vid-19 ist nur ein harm­lo­ser Schnup­fen“.

Wir hof­fen da­mit ei­nen Bei­trag zu leis­ten, dass Po­pu­lis­ten und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker kei­ne Chan­ce ha­ben, ihre oft ge­fähr­li­chen An­sich­ten un­wi­der­spro­chen zu ver­brei­ten und Men­schen zu ver­un­si­chern. Ich bin froh, dass un­se­re Part­ner­ver­la­ge im Bun­des­ver­band hier auf die Kom­pe­tenz der Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten im Re­cher­che­zen­trum Cor­rec­tiv zu­rück­grei­fen kön­nen.

Welche Chancen bergen die Erfahrungen in der Zeit von Corona für die Digitalisierung in Ihren Augen?

Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur und das Lan­des­netz­werk Bür­ger­en­ga­ge­ment ha­ben sich das The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung ja schon seit ge­rau­mer Zeit auf ihre Fah­nen ge­schrie­ben. In ei­ni­gen Be­rei­chen der En­ga­ge­ment­sze­ne gab es auch schon vor Co­ro­na gute Bei­spie­le da­für, wie di­gi­ta­le Tech­nik und Kom­mu­ni­ka­ti­on hel­fen kön­nen, Zie­le zu er­rei­chen und Vor­ha­ben um­zu­set­zen. Die ak­tu­el­le Kri­se ist da eher ein Ka­ta­ly­sa­tor. Denn wir sind plötz­lich alle ge­zwun­gen, neue Wege in der Ar­beit, Or­ga­ni­sa­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on zu su­chen, da die al­ten ver­sperrt sind.

Ich mag mir gar nicht vor­stel­len, wie die ak­tu­el­le Kri­se vor 30 Jah­ren ver­lau­fen wäre. Die­ser Schub hat uns alle weit vor­an­ge­bracht (das sieht man auch ganz klar hier in den Blog­ein­trä­gen der Frei­wil­li­gen­bör­se), und di­gi­ta­le Tech­nik und Kom­mu­ni­ka­ti­on wird uns auch künf­tig in un­se­rem Tun un­ter­stüt­zen. Das ist si­cher auch et­was, was bleibt.

Die Kri­se zeigt, dass durch Di­gi­ta­li­sie­rung Pro­ble­me ge­löst und Sym­pto­me ge­lin­dert wer­den kön­nen. Al­lein in der Kom­mu­ni­ka­ti­on hat sie uns vie­les er­mög­licht und er­leich­tert. Aber das al­les kann ei­nes na­tür­lich nicht er­set­zen, den un­mit­tel­ba­ren Kon­takt zu Kol­le­gen, Freun­den und Mit­strei­tern, den wir, glau­be ich, ge­ra­de alle trotz Vi­deo­kon­fe­renz, Te­le­fon und Chat schmerz­lich ver­mis­sen.

Berlin engagiert

Correctiv

En­ga­giert in der Co­ro­na­zeit | Me­di­al & En­ga­giert
Ak­tua­li­siert: 23.05.2020

 

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